Renate Hammerer

Eine kleine Geschichte

Das empfindliche Fragezeichen

(gefunden in: Alexa Mohl „Der Wächter am Tor zum Zauberwald“ erschienen im Junfermann Verlag)

Ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen rutschten beim Umfallen eines Bücherstapels aus ihrem Text und marschierten, nach dem sie sich von der Rutschpartie erholt hatten, durch die Zeilen, um ihren angestammten Platz wiederzufinden.
„Da ist ein Platz für dich“, sagte das Ausrufezeichen. „Es steht ein WARUM.“- „Da will ich aber nicht hin“, antwortete das Fragezeichen. „Warum denn nicht?“, fragte das Ausrufezeichen. „Warum, warum, warum wohl“, fauchte das Fragezeichen. „Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen. Ich wollte doch nur wissen, warum du da nicht hin willst.“ – „Das ist es ja gerade“, sagte das Fragezeichen. „Ich habe schon oft in meinem Leben hinter einem WARUM gestanden. Und danach kamen meistens ganz empörte Sätze, die mich fast umgeblasen haben.“ – „Warum das denn?“ Fragte das Ausrufezeichen verwundert. „Man wird doch noch fragen dürfen!“ – „Natürlich darf man fragen“, erwiderte das Frageeichen. „Aber nicht WARUM. Du musst doch merken, dass Warumfragen die Leute auf die Palme bringen.“ – „OK“, sagte das Ausrufezeichen. „Das kann ich verstehen. Aber ich muss doch Fragen stellen, wenn ich die Gründe von etwas herausfinden will!“ – „Das ist richtig, aber nicht WARUM!“ – „Und warum nicht? Oh, entschuldige bitte.“ – „Ist schon gut. Also, wenn du die Gründe für etwas herausfinden willst, ist es auch nicht sinnvoll, warum zu fragen. Die Leute geben dann meistens Antworten, die sie sich zurechtgelegt haben. Und die fördern nicht gerade das Verständnis der Sache. Oh, ich sehe, du möchtest schon wieder WARUM fragen.“ – „Nein, will ich nicht!“ – sagte das Ausrufezeichen empört. „Ich will etwas ganz anderes fragen, nämlich: Wie frage ich dann, wenn ich nicht warum fragen darf?“ – „Das ist eine gute Frage“, sagte das Fragezeichen. „komm, lass uns mal durch den Text gehen. Dies ist ein gutes Buch, und wir finden sicher eine Stelle, an der ich dir klar machen kann, wie gute Fragen sich anhören.
Lies mal, hier reden zwei Freunde, Peter und Paul, miteinander.
Paul lobt Peter für ein tolles Tennisspiel, das Peter gewonnen hat.
Aber Peter sagt zu Paul:

„Ich kann deine Anerkennung nicht annehmen.“

„Was hindert dich daran?“, fragt Paul. “Ich bin es nicht wert“, erwidert Peter.

Und Paul fragt weiter. „Wie weißt du das?“

Auf diese Frage antwortet Peter: „Noch nie hat man mir Anerkennung ausgesprochen.“

Daraufhin fragt Paul: „Wer hat dich nicht anerkannt?“

Auf diese Frage fällt Peter ein: „Zum Beispiel mein Vater, ich habe immer Angst vor ihm.“

Paul fragt daraufhin: „Was befürchtest du von Deinem Vater?“

„Dass er mich bestraft“, sagt Peter

„Wofür bestraft dich dein Vater?“,  fährt Paul fort.

„Ich bin schlecht in der Schule“, sagt Peter. „Dafür bestraft er mich.“

Und Paul fragt weiter: „Wie macht er das?“

Peter denkt nach: „Er redet nicht mit mir“, ist seine Antwort.

Und Paul stellt eine weitere Fragen, nämlich: „Und was bedeutet das für dich?“

Diese Frage lässt Peter weiter nachdenken: „Wenn mein Vater nicht mit mir redet, fühle ich mich wertlos“, ist seine Antwort.

„Und so geht es weiter, wie du lesen kannst. In diesem Absatz stehen acht Fragen, hinter die ich mich liebend gerne stellen würde“, schwärmte das Fragezeichen. „Und was bewegt dich dazu?“ fragte das Ausrufezeichen. „Bei diesen Fragen kann ich mitwirken, etwas Wichtiges herauszufinden.“ „Und was ist das Wichtige, das du dabei mithilfst herauszufinden?“ fragte das Ausrufzeichen. „Du hast es verstanden!“ rief das Fragezeichen voller Bewunderung aus.

„Ja, ich habe verstanden“, sagte das Ausrufezeichen. „Und hinter diesen Satz stelle ich mich jetzt hin.“

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